Wenn der Gedanke kommt, der Angst macht: Was ist, wenn ich ungewollt kinderlos bleibe?
Irgendwann taucht er auf. Vielleicht nach dem dritten erfolglosen Versuch, vielleicht nach einer neuen Diagnose, vielleicht einfach nachts, wenn dich das Grübeln wach hält: Der Gedanke: Was, wenn es kein Kind gibt?
Egal, ob der Gedanke mit voller Wucht oder verstohlen sich in deinem Kopf festsetzt: Er macht Angst. Er zieht einem den Boden unter den Füßen weg, weil er eine Frage aufwirft, auf die man noch keine Antwort hat und vielleicht auch noch keine haben will. Viele Frauen schieben ihn zunächst schnell wieder weg. Weil zu früh, zu beängstigend, zu unerträglich.
Wenn du dich hier wiedererkennst, ist dieser Artikel für dich. Weil dieser Gedanke, so schwer er sich anfühlt, auch etwas ermöglicht: einen ersten, vorsichtigen Blick auf ein Leben, das anders aussieht als geplant und das trotzdem lebenswert werden kann.
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Inhalt dieses Artikels
Warum dieser Gedanke so viel Angst macht
Der Gedanke an ein kinderloses Leben trifft nicht nur den Wunsch nach einem Kind. Er trifft das gesamte innere Bild davon, wie das eigene Leben aussehen sollte. Wer man sein würde. Was Zukunft bedeutet. Was Erfüllung heißt.
Für viele Frauen ist Mutterschaft nicht nur ein Lebensinhalt, sondern ein Teil ihrer Identität, manchmal bewusst, oft unbewusst. Vielleicht warst du dir schon als 10jähriges Mädchen sicher, später einmal drei Kinder zu haben. Einen Buben und zwei Mädchen. Dieser Teil wurde nie in Frage gestellt, weil er selbstverständlich schien. Erst wenn er unsicher wird, merkt man, wie viel Gewicht er getragen hat.
Das erklärt, warum der Gedanke so destabilisierend wirkt. Er ist keine rationale Überlegung. Er ist ein Einbruch in ein Selbstbild, das man jahrelang nicht hinterfragen musste.
Ich sage meinen Klientinnen in dieser Phase immer: Diese Angst ist eine verständliche Reaktion darauf, wie viel dieser Wunsch dir bedeutet.
Der Prozess, der dann beginnt und wie er sich anfühlt
Was nach diesem Gedanken kommt, ist selten geradlinig. Es ist – anders als viele meinen – kein klarer Entschluss und kein bewusstes Loslassen. Es ist eher ein langsames, widerwilliges Zulassen.
Viele Frauen beschreiben es so: Der Gedanke macht zunächst nur Angst. Dann folgen Trauer und Leere. Dann, irgendwann, manchmal ganz kurz und fast überraschend wird es ruhiger. Bilder tauchen auf, eine Vorstellung davon, wie das Leben auch aussehen könnte. Ein Urlaub, den man machen würde. Eine Freiheit, die man sich erlauben dürfte. Eine Version von sich selbst, die nicht mehr wartet.
Diese Momente sind kein Verrat am Kinderwunsch. Sie sind der Anfang einer neuen Perspektive.
Dieser Prozess kann sehr lange dauern. Es gibt kein richtiges Tempo dafür. Manche Frauen beginnen ihn nach zwei Jahren erfolgloser Behandlung, andere erst nach fünf. Manche, wenn eine neue Diagnose dazukommt, die wenig Raum für Hoffnung lässt. Manche, wenn sie merken, dass sie den nächsten Versuch vor allem aus Pflicht und nicht mehr aus echter Überzeugung starten.
Es gibt keinen Zeitpunkt, ab dem dieser Gedanke „erlaubt" ist. Er kommt, wenn er kommt.
Was dieser Prozess mit der Identität macht
Die Frage, die viele Frauen in dieser Phase beschäftigt, lautet selten nur: Wie wird mein Leben ohne Kind aussehen? Sie lautet auch: Wer bin ich, wenn ich nicht Mutter werde?
Das ist eine der schwersten Fragen, die der unerfüllte Kinderwunsch aufwirft. Und sie verdient mehr als eine schnelle Antwort.
Wenn ein Lebensentwurf neu geschrieben werden muss
Ein Lebensentwurf ist keine bewusste Konstruktion. Er entsteht aus Vorstellungen, die man übernommen hat, aus Bildern, die das Umfeld vermittelt, aus dem, was als normal und erstrebenswert gilt. Mutterschaft ist für viele Frauen so tief in diesen Entwurf eingeschrieben, dass sie ihn erst dann bemerken, wenn er nicht aufgeht.
Diesen Entwurf zu hinterfragen bedeutet nicht, ihn aufzugeben. Es bedeutet, ehrlich zu schauen: Was davon ist wirklich meins? Was möchte ich, unabhängig davon, ob ich Mutter werde oder nicht? Was gibt meinem Leben Bedeutung?
Auf diese Fragen gibt es oft noch keine Antworten. Aber sie zu stellen ist ein wichtiger erster Schritt.
Die Sehnsucht darf bleiben
Ein Missverständnis, dem ich in meiner Praxis immer wieder begegne: Wer beginnt, sich ein kinderloses Leben vorzustellen, muss den Wunsch nach einem Kind loslassen. Das stimmt nicht.
Die Sehnsucht nach einem Kind kann bleiben. Sie wird vermutlich auch bleiben, zumindest eine Weile, vielleicht sogar immer. Das ist kein Widerspruch zu einem erfüllten Leben. Es ist ein Teil davon, mit dem man lernen kann umzugehen.
Ein Leben ohne Kind ist kein Leben, dem etwas fehlt und das deshalb weniger wert ist. Es ist ein anderes Leben. Mit anderen Möglichkeiten, anderen Formen von Verbindung und Bedeutung. Diese Erkenntnis kommt nicht als Erleuchtung. Sie wächst langsam und fügt sich mit der Zeit zu einem neuen Bild zusammen.
Was in dieser Phase helfen kann
Wie gerne würde ich dir sagen, dass es eine Technik gibt, die diesen Prozess abkürzt. Aber die gibt es leider nicht. Und es wäre auch nicht sinnvoll, ihn abzukürzen.
Den Gedanken zulassen, ohne ihn sofort zu beantworten
Der erste Schritt ist oft der schwierigste: den Gedanken da sein zu lassen, ohne ihn sofort wegzuschieben oder sofort eine Entscheidung daraus zu machen. Er muss keine Konsequenz haben, nur weil er auftaucht. Er darf einfach da sein.
Eine Frage, die dabei helfen kann: Was löst dieser Gedanke in mir aus? Nicht: Was bedeutet er für meine Behandlung? Sondern: Was fühle ich, wenn ich ihn nicht sofort wegschiebe?
Kleine Bilder sammeln
Viele Frauen, die ich in dieser Phase begleite, beschreiben Momente, in denen ein Bild auftaucht. Eine Reise, die man machen würde. Ein Beruf, den man noch lernen möchte. Eine Freundschaft, die man intensiver pflegen würde.
Diese Bilder müssen nicht zu einem Plan werden. Sie sind zunächst einfach mal nur Hinweise. Hinweise darauf, wie ein ungewollt kinderloses Leben aussehen könnte.
Reflexionsfragen für dich
- Was würde ich tun, wenn ich wüsste, dass kein Kind kommen wird?
- Welche Bereiche meines Lebens haben in der Kinderwunschzeit wenig Raum bekommen, die mir früher wichtig waren?
- Was wünsche ich mir für mein Leben, unabhängig davon, ob ein Kind dazu gehört?
- Wer bin ich, abseits von dem, was ich mir wünsche?
Ein Prozess, der Zeit braucht und Begleitung verdient
Sich mit einem möglicherweise kinderlosen Leben auseinanderzusetzen ist ein Prozess, der sich über Monate oder Jahre erstrecken kann. Er verläuft nicht linear. Es gibt Tage, an denen ein Leben ohne Kind sich vorstellbar anfühlt, sogar mit einer gewissen Leichtigkeit. Und es gibt Tage, an denen die Trauer wieder ganz frisch ist, als wäre kein Schritt getan worden.
Wenn du merkst, dass dieser Prozess bei dir begonnen hat, und du dir wünschst, ihn nicht alleine zu gehen, begleite ich dich gerne. In meiner Praxis in Wien sowie online arbeite ich mit Frauen, die genau an diesem Punkt stehen. Melde dich gerne für ein erstes Gespräch.
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