Endometriose & Psyche: Meine Inputs beim Frauengesundheitstag im Wiener Rathaus
Am 30. Mai 2026 durfte ich beim 2. Frauengesundheitstag im Wiener Rathaus zwei Vorträge halten: Einen für medizinisches Fachpersonal und einen für betroffene Frauen. Ich erzähle hier, worauf ich eingegangen bin: Was Endometriose psychisch mit einer Frau macht, warum die Diagnoseverzögerung eine Wunde hinterlässt, die weit über die Erkrankung selbst hinausgeht, wieso manche Frauen sagen, Endometriose diktiere ihr Leben und welche konkreten Ansätze helfen können, wieder handlungsfähig zu werden. Zumindest ein bisschen.
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Ein Tag im Zeichen der Frauengesundheit im Wiener Rathaus
Ich gebe zu, Vorträge halten gehört nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Auch nicht nach 47 Jahren Lebenserfahrung und 10 Jahren als Lektorin an der Uni Wien. Aber diesmal habe ich beim 2. Wiener Frauengesundheitstag als Rednerin zugesagt. Weil es mir wichtig ist dort zu sprechen, wo die Themen, die mir am Herzen liegen, wirklich Raum bekommen.
Beim 2. Frauengesundheitstag im Wiener Rathaus war das der Fall. Frauen mit Endometriose, Ärztinnen, Fachpersonal – alle unter einem Dach, alle mit dem gemeinsamen Ziel, das Thema sichtbarer zu machen. Denn Endometriose ist eine Erkrankung, die viel zu lange im Unsichtbaren geblieben ist, sowohl medizinisch als auch psychologisch. Ich selber kann leider ein Lied davon singen, aber dazu vielleicht ein anderes mal mehr.
Ich durfte also am 30. Mai zwei Vorträge halten: einen für medizinisches Fachpersonal über die psychosoziale Belastung bei Endometriose, und einen für Betroffene über das, was die Erkrankung psychisch wirklich mit einer Frau macht und was helfen kann.
Dass so eine Veranstaltung überhaupt stattfindet und dass Frauen mit Endometriose zusammenkommen und sagen: Wir sind hier, und unser Thema verdient Aufmerksamkeit! Das hat mich sehr gefreut. Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung meiner Vorträge.
Was Endometriose psychisch mit einer Frau machen kann
Endometriose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung. Das bedeutet: der Körper kämpft. Jeden Tag. Und das kostet Energie sowohl körperlich als auch psychisch.
Was oft unterschätzt wird: Endometriose betrifft nicht nur den Unterleib. Sie betrifft das gesamte Leben einer Frau. Ihre Arbeitsfähigkeit, ihre Beziehungen, ihr Selbstbild, ihre Schlafqualität, ihre Pläne.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache:
- 48 % der Betroffenen leiden unter milden Depressionssymptomen
- 62 % unter Angstsymptomen
- 50–70 % berichten von anhaltender Fatigue
Und diese Symptome entstehen nicht, weil etwas mit der Psyche der Frau nicht stimmt. Sie entstehen, weil ihr Nervensystem unter dauerhaftem Druck steht. Chronischer Schmerz verändert die Schmerzverarbeitung im Gehirn. Das nennt man Zentralsensibilisierung. Das erklärt den Schmerz, aber es relativiert ihn nicht.
Die Negativspirale: Wenn Endometriose das Steuer übernimmt
Was ich in meiner Praxis immer wieder beobachte, und was ich auch in meinem Vortrag gezeigt habe: Eine typische Dynamik, die sich bei vielen Betroffenen entwickelt.
Chronischer Schmerz führt zu Erschöpfung. Erschöpfung führt zu sozialem Rückzug. Sozialer Rückzug verstärkt das Gefühl der Isolation und Hoffnungslosigkeit. Das erhöht das Stresserleben, was wiederum das Schmerzempfinden verschärft. Diese Negativspirale entsteht, weil das System unter Dauerdruck steht.
Die Diagnoseverzögerung: eine Wunde, die bleibt
Durchschnittlich 7 bis 10 Jahre vergehen zwischen den ersten Symptomen und der Diagnose Endometriose.
Das sind 7 bis 10 Jahre, in denen Frauen zu hören bekommen: „Das ist normal bei der Periode." „Du übertreibst." „Vielleicht ist es psychisch."
Wenn dir oft genug gesagt wird, dein Schmerz sei nicht real, beginnst du irgendwann selbst daran zu zweifeln. Du beginnst deiner eigenen Wahrnehmung zu misstrauen und das kann zu einem angegriffenen Selbstbewusstsein führen.
Und dann kommt die Diagnose: Zunächst meist mit Erleichterung, später auch mit Wut, Trauer und Angst. Manchmal mit allem gleichzeitig. Die Wunde der letzten Jahre ist nicht weg, sondern sie braucht Aufmerksamkeit, die über die medizinische Behandlung hinausgeht.
Das ist einer der wichtigsten Punkte meiner Arbeit: Psychotherapeutische Begleitung bei Endometriose ist nicht dazu da, den Schmerz „wegzutherapieren". Sie ist dazu da, die psychische Last der Erkrankung (und der oft jahrelangen Odyssee davor) ernst zu nehmen.
Selbstwert, Körperbild & die Frage: Wer bin ich noch?
Eine Frage, die mir Betroffene immer wieder stellen: „Ich weiß nicht mehr, wer ich ohne diese Erkrankung bin."
Chronische Erkrankungen wie Endometriose greifen das Selbstbild an. Der Körper, dem man jahrelang misstraut hat, weil er Schmerzen macht. Das Gefühl, nicht so viel leisten zu können wie andere. Die Scham im Job, wenn man wieder fehlt. Die Erschöpfung, die niemand sieht.
Die Forschung spricht hier von Illness Identity — dem Ausmaß, in dem eine chronische Erkrankung zum zentralen Bestandteil der eigenen Selbstdefinition wird. Bei Endometriose ist das Risiko dafür besonders hoch, weil so viele Bereiche des Lebens betroffen sind: Schmerz, Zyklus, Sexualität, Fertilität.
Das bedeutet, es braucht bewusste Arbeit daran, wieder Zugang zu dem zu bekommen, was jenseits der Endometriose liegt.
Endometriose & Kinderwunsch: die doppelte Belastung
Das ist ein Thema, das mir besonders am Herzen liegt, auch weil es sich mit meinem zweiten Schwerpunkt überschneidet.
30 bis 50 % der Frauen mit Endometriose, die einen noch unerfüllten Kinderwunsch haben, sind von der Erkrankung betroffen. Wenn Endometriose und Kinderwunsch zusammentreffen, ist die psychische Belastung kumulativ: die chronische Erkrankung auf der einen Seite, die existenzielle Ungewissheit rund um die Fertilität auf der anderen.
Beides gleichzeitig zu tragen — ohne dass eine Seite gelöst werden kann — ist eine enorme psychosoziale Anforderung. Und sie wird selten in dieser Kombination gesehen.
Was ich in meiner Praxis beobachte: Frauen, die Endometriose haben und sich gleichzeitig in einer reproduktionsmedizinischen Behandlung befinden, kämpfen auf zwei Fronten. Der Körper schmerzt. Die Hormone der IVF-Behandlung fügen weitere Belastungen hinzu. Dazu kommt der Druck, ein kurzes Zeitfenster fürs schwanger werden zu haben. Und gleichzeitig bleibt die Ungewissheit: Wird es klappen?
Endometriose als Diktator des Lebens
Viele Frauen haben das Gefühl, dass Endometriose ihr Leben beherrscht. Und so unrecht haben sie damit nicht. Wenn man sich ansieht auf wie viele Lebensbereiche Endometriose sich auswirken kann, kann man diese Aussage verstehen: Endometriose kann negativen Einfluss auf die Sexualität und somit auf die Paarbeziehung haben, auf das Arbeitsleben bzw. die Ausbildung, auf das Sozialleben und auf die Fruchtbarkeit. Also eigentlich auf alle großen, wichtigen Bereiche. Wenn du an dieser Stelle schon mehrmals zustimmend genickt hast, dann lies gerne weiter, denn jetzt geht es darum, was konkret helfen kann.
Was konkret helfen kann: Ein Einblick in meine Arbeit
Im zweiten Teil meines Vortrags für Betroffene habe ich über psychologische Ansätze gesprochen, die ich in meiner Praxis anwende. Hier ist ein kleiner Einblick:
Selbstwirksamkeit zurückgewinnen
Selbstwirksamkeit ist der Glaube daran, Einfluss zu haben und selbst etwas bewirken zu können. Gerade wenn man sich ohnmächtig ausgeliefert fühlt, ist er besonders wichtig.
Eine hilfreiche Frage ist: Worauf habe ich Einfluss und worauf nicht? Das klingt einfacher gesagt als getan. Aber es ist der Einstieg in die Handlungsfähigkeit. Wenn es dir schwer fällt diese Frage zu beantworten, frag dich, wie du die jetzige Situation verschlimmern könnest – und schon wird deutlich, dass sehr wohl Handlungsspielraum besteht, wenn auch vielleicht nur geringfügig.
Innere Antreiber und Glaubenssätze überprüfen
Viele Frauen mit Endometriose kennen den Satz: „Ich muss funktionieren, egal wie es mir geht." Diese Haltung war vielleicht einmal ganz nützlich. Mit einer chronischen Erkrankung kann sie aber zur Falle werden.
In der Therapie arbeite ich daran, solche Glaubenssätze zu identifizieren, zu überprüfen und in einem zweiten Schritt anzupassen. Nicht durch positive Affirmationen, sondern durch ehrliche Auseinandersetzung mit dem, was gerade wirklich passend erscheint.
Die Beziehung zum eigenen Körper neu gestalten
Das ist für viele Betroffene das Schwierigste und gleichzeitig ein Meilenstein, wenn es gelingt:
Ein Körper, der jeden Monat Schmerzen macht, der beim Sex wehtut, der in der Fertilitätsmedizin nicht das „liefert", was man sich wünscht, dieser Körper wird schnell zum Feind. Das ist verständlich. Und gleichzeitig ist es ein Unterschied, ob ich denke: „Mein Körper ist krank" — oder: „Mein Körper ist mein Feind."
Dieser Unterschied ist klein, aber er verändert alles. Hier arbeite ich gerne mit der Methode der systemischen Aufstellung.
Energieräuber reduzieren und Energietankstellen finden
Chronische Erkrankungen kosten Energie. Und diese Energie ist nicht unbegrenzt. Eine Frage, die ich immer wieder stelle: Wann hast du zuletzt etwas getan, das nur für dich war? Etwas, das dir gut tut?
Kleine Pausen, bewusstes Atmen, Reduktion von kräftezehrenden Begegnungen, Nein sagen ohne schlechtes Gewissen… Das sind keine Wellness-Tipps, sondern das sind wichtige Schritte in Richtung Selbstfürsorge.
Mein Fazit
Was ich an diesem Tag vom Frauengesundheitstag mitgenommen habe: dass die Erkrankung Endometriose Gehör findet. Dass Frauen zusammenkommen und sagen: Wir wollen gesehen werden. Und dass das Umfeld sowohl medizinisch als auch gesellschaftlich beginnt zuzuhören.
Wenn du dich in dem Gelesenen wiederfindest und Unterstützung suchst, dann melde dich gerne bei mir oder folge mir auf Instagram für Beiträge rund ums Thema Kinderwunsch und Endometriose.
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