Emotionale Achterbahn im Kinderwunsch: Was deine Gefühle dir sagen wollen und wie du sie regulieren kannst
Es ist Montag, 8:20 Uhr, und du sitzt im Wartezimmer der Kinderwunschklinik. Nicht zum ersten Mal – das Bild an der Wand, die Topfpflanze im Eck und die Dame beim Empfang sind dir schon vertraut. Beim letzten Ultraschall hat alles gut ausgesehen, und du traust dich vorsichtig zu hoffen, dass es diesmal klappen könnte. Trotzdem nagt die Angst in dir. Zwanzig Minuten später weißt du, dass weit weniger Follikel herangereift sind als erhofft. Die Enttäuschung fährt ein. Auf dem Heimweg kommt dir eine Schwangere entgegen, und in dir keimen Neid, Wut und Trauer gleichzeitig auf. Am Abend rettet dich der Gedanke, dass eine einzige gute Eizelle reichen würde, vor einer tiefen Verzweiflung und du fällst erschöpft in dein Bett.
Das waren mindestens fünf extreme Emotionen an einem Tag, und es ist noch nicht einmal Dienstag.
Diese emotionale Achterbahn im Kinderwunsch kennen fast alle Frauen, die ich begleite. Oft höre ich den Satz: „Der unerfüllte Kinderwunsch macht mich kaputt. Dieses Auf- und Ab der Gefühle halte ich bald nicht mehr aus.“
In diesem Artikel erkläre ich dir, warum deine Emotionen so stark schwanken, welche Funktion Angst, Trauer, Wut, Neid und Hoffnung haben und wie du mit ihnen umgehen kannst, wenn sie dich zu überrollen drohen.
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Inhalt
- Warum sich der Kinderwunsch wie eine emotionale Achterbahn anfühlt
- Emotionen als Hinweisschilder: Was Angst, Trauer, Wut, Neid und Hoffnung dir zeigen
- Hoffnung und Angst am selben Tag: Gefühle müssen nicht eindeutig sein
- Emotionen sind wie Wellen: Warum Ankämpfen so viel Kraft kostet
- Emotionen regulieren im Kinderwunsch: Drei Schritte für akute Momente
- Dein inneres Orchester: Du bist die Dirigentin
- Und wenn die nächste emotionale Talfahrt kommt?
Warum sich der Kinderwunsch wie eine emotionale Achterbahn anfühlt
„Ich fühle mich emotional so instabil, warum schwanke ich so stark?“ Diese Frage höre ich in meiner Praxis sehr oft, und meistens schwingt die Sorge mit, dass mit einem selbst etwas nicht stimmt.
Dabei passiert während einer Kinderwunschbehandlung sehr vieles gleichzeitig. Dein Körper wird mit Hormonen und Medikamenten geflutet, die deine Stimmung spürbar beeinflussen können. Untersuchungen, Laborbefunde und Ultraschalltermine füllen deinen Kalender, sodass für Freudvolles weniger Zeit bleibt. Und Angst, Hoffnung und Enttäuschung wechseln einander in kurzen Abständen ab: bei jeder Follikelkontrolle, bei jedem Anruf aus dem Labor nach der Befruchtung, bei jedem Bluttest nach dem Transfer.
All das versetzt dein Nervensystem in Alarmbereitschaft, was jedes Gefühl zusätzlich verstärkt. Warum das so ist, habe ich im Artikel über den Kontrollverlust im Kinderwunsch ausführlich beschrieben. Wenn dich das interessiert, lies gerne rein.
Du befindest dich also in einer emotional extrem fordernden Lebensphase. Kein Wunder also, dass du in dieser Zeit emotional manchmal an deine Grenzen kommst.
Emotionen als Hinweisschilder: Was Angst, Trauer, Wut, Neid und Hoffnung dir zeigen
Was die wenigsten wissen: Emotionen haben Funktionen. Sie sind keine Gegner und meinen es nicht böse mit dir, auch wenn du dich von ihnen gerade durchgebeutelt fühlst. Ich finde es hilfreich sie als Hinweisschilder zu verstehen, die dich darauf hinweisen, was aktuell in dir los ist und was dir womöglich gut täte.
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Angst will dich schützen
Angst ist im Kinderwunsch fast immer dabei. Sie nährt sich aus der Vergangenheit, also aus dem, was du schon erlebt hast: einem Versuch, der nicht geklappt hat, vielleicht einer Fehlgeburt. Es gibt sie auch als Angst vor dem Unbekannten, zum Beispiel wenn du vor deiner ersten Behandlung stehst. Und es gibt die Angst, die weit in die Zukunft reicht und fragt: „Was ist, wenn es nie klappt?“
Ihre Funktion ist in den allermeisten Fällen Schutz, denn sie möchte dich vor der nächsten Enttäuschung bewahren.
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Trauer zeigt, wie viel dir dein Wunsch wert ist
Nach einem negativen Test, wenn die Blutung doch wieder einsetzt, oder nach einer Fehlgeburt tut es einfach weh. Dazu kommen die zeitlichen Markierungen, die die Trauer verstärken: Weihnachten, wo dir einfällt, dass du im Vorjahr sicher warst, heuer mit Babybauch vor dem Christbaum zu stehen. Oder natürlich der Tag, der der Geburtstermin gewesen wäre.
Ich spreche im Kinderwunsch gern von der einsamen Trauer. Du trauerst um eine Vorstellung von Zukunft und um deine verlorene Leichtigkeit, also um etwas, das für Außenstehende nie sichtbar war.
Trauer ist ein Ausdruck von Wertschätzung, denn wir trauern nur um das, was uns wichtig ist. Sie hilft außerdem, Verluste zu verarbeiten, indem sie deine Energie nach innen lenkt. Wenn du in solchen Phasen stiller wirst und Verabredungen absagst, dann reguliert sich dein System gerade.
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Wut zeigt eine Grenze
Wut ist das Gefühl, für das sich viele Frauen genieren und über das sie nur hinter vorgehaltener Hand sprechen. Sie richtet sich auf den eigenen Körper, auf andere Schwangere oder gleich auf das Leben, das Schicksal und das Universum.
Wut entsteht meistens aus Hilflosigkeit, und ihre Funktion ist es, eine Grenze aufzuzeigen. Wenn im Büro schon wieder jemand eine Schwangerschaft verkündet und in dir alles „Es reicht jetzt!“ ruft, dann zeigt dir die Wut, dass du dich dem gerade nicht mehr aussetzen möchtest.
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Neid zeigt ein unerfülltes Bedürfnis
Ich kenne fast keine Frau im Kinderwunsch, die sich nicht für ihren Neid schämt, und das tut mir jedes Mal leid. Er meldet sich bei Babynews, bei Geburten im Freundeskreis oder ganz generell, wenn sich das Leben der anderen weiterentwickelt und deines stehen zu bleiben scheint.
Mit Missgunst hat das nichts zu tun. Neid zeigt dir, dass da etwas ist, das du gerne hättest und noch nicht hast, nicht mehr und nicht weniger. Mehr dazu liest du im Artikel über Freundschaften in der Kinderwunschzeit.
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Hoffnung gibt Kraft und kann zweischneidig sein
Hoffnung entsteht oft in der ersten Zyklushälfte, wenn wieder eine Chance da ist und du wieder etwas tun kannst. Sie entsteht auch bei einem neuen Behandlungsansatz und manchmal sogar bei einer Diagnose.
Sie gibt Kraft und Motivation und lässt dich weitermachen. Gleichzeitig sagen mir nicht wenige Frauen, vor allem nach langer Kinderwunschzeit: „Eigentlich würde es mir helfen, wenn diese Hoffnung endlich weggeht.“ Hoffnung kann einen auch dann nicht aufhören lassen, wenn man merkt, dass eine Pause guttäte.
Ihr Gegenstück ist die Enttäuschung. So weh sie tut, sie rückt etwas zurecht, denn ohne sie wären wir permanent in Erwartung und könnten nie neu entscheiden, wie es weitergeht (damit meine ich den Teil der Entscheidung, auf den wir Einfluss haben).
Hoffnung und Angst am selben Tag: Gefühle müssen nicht eindeutig sein
All diese Emotionen können gleichzeitig da sein, und genau das macht es so anstrengend. Auch Freude gehört übrigens dazu, darauf haben die Teilnehmerinnen meiner ersten Programmrunde bestanden. Du darfst also am Vormittag hoffnungsvoll sein und am Nachmittag verzweifelt. Das widerspricht sich nicht.
Emotionen sind wie Wellen: Warum Ankämpfen so viel Kraft kostet
Eine Emotion verhält sich wie eine Welle. Sie baut sich auf, erreicht einen Höhepunkt und klingt wieder ab, auch wenn es sich am höchsten Punkt so anfühlt, als würde das nie aufhören.
Manchmal hilft es, sie durchlaufen zu lassen, anstatt dagegen anzukämpfen. Die Psychologie verwendet dafür gern das Bild vom Wasserstrudel: Wer hineingerät, versucht instinktiv, sich oben zu halten, und verbraucht dabei seine ganze Kraft. Weiter unten lässt der Sog aber nach, sodass man dort leichter wegtauchen und an anderer Stelle wieder auftauchen kann.
Auf Gefühle übertragen heißt das: Wenn du den Rahmen dafür hast, darfst du dich eine Zeit lang hinunterziehen lassen. Du darfst weinen, wütend sein und auseinanderfallen. Du sparst dir die Kraft des Ankämpfens und tauchst oft leichter wieder auf.
Ein Ankersatz für solche Momente könnte sein: „So wie es sich jetzt gerade anfühlt, bleibt es nicht für immer.“ Am besten wirkt ein Ankersatz, wenn du ihn in deinen eigenen Worten formulierst.
Emotionen regulieren im Kinderwunsch: Drei Schritte für akute Momente
Nicht immer gibt es den Rahmen, um eine Welle durchlaufen zu lassen. Wenn die Kollegin in der Kantine ihre Schwangerschaft verkündet, brauchst du etwas, das sofort und unauffällig funktioniert.
- Gib deinem Körper Orientierung. Stell beide Beine fest auf den Boden und atme länger aus als ein. Orientiere dich dann über deine Sinne im Hier und Jetzt: fünf Dinge, die du siehst, vier, die du hörst, und drei, die du ertasten kannst, etwa die Tischplatte unter deinen Händen. Das beruhigt dein Nervensystem, und niemand am Tisch bemerkt es. Ein stabilisierender Satz dazu kann lauten: „Dein Kinderwunsch ist nicht mein Kinderwunsch.“
- Frag, was das Gefühl braucht. Stell dir das Gefühl wie eine Person vor: Was bräuchte sie? Bei Wut ist es oft Verständnis, bei Trauer Trost, eine Pause oder Unterstützung. Wenn es in deinem Einflussbereich liegt, sorge dafür und sprich es aus: „Ich brauche jetzt eine Umarmung“ oder „Ich möchte die Kantine gleich verlassen.“
- Prüfe den Gedanken hinter dem Gefühl. Gedanken lösen Emotionen aus, und dein Körper unterscheidet dabei nicht zwischen Gedanke und Tatsache. „Es klappt bestimmt wieder nicht“ erzeugt Angst und Trauer, als wäre es schon passiert. Frag dich: Ist das wirklich wahr, habe ich einen Beweis dafür? Meistens lautet die ehrliche Korrektur: „Fakt ist, ich kann es im Moment noch nicht wissen.“
Wenn Gedanken immer wiederkehren und du ins Grübeln gerätst, findest du im Artikel „Negative Gedanken loswerden“ weitere Techniken.
Dein inneres Orchester: Du bist die Dirigentin
Zum Schluss möchte ich dir ein Bild mitgeben, mit dem ich mit fast allen meinen Klientinnen arbeite. Es kommt aus der sogenannten Teilearbeit.
Stell dir deine Emotionen als Mitglieder eines Orchesters vor und dich selbst als Dirigentin. Alle Musikerinnen wollen von dir gehört werden, und alle haben ihre Berechtigung, auch die unliebsamen wie der Neid oder die Wut. Manche proben offenbar besonders gern um drei Uhr früh.
Als wohlwollende Dirigentin wirfst du niemanden aus dem Saal, sondern du gehst stattdessen so vor:
- Lerne dein Orchester kennen. Wer ist überhaupt da?
- Hör hin, wer gerade auf die Pauke haut. Vielleicht ist es die Angst, vielleicht die Wut, vielleicht sind es mehrere gleichzeitig.
- Versuche zu verstehen, warum. Was will dir dieses Orchestermitglied sagen, und welches Bedürfnis steckt dahinter? Vielleicht durfte es einfach schon lange nicht mehr spielen.
- Such erst dann nach einem Gegeninstrument. Welche Stimme würde das Ganze harmonischer klingen lassen? Das kann die Vernunft sein, eine wohlwollende innere Stimme oder die Zuversicht, die sagt: „Ich weiß nicht, wie es ausgeht, aber irgendwie wird es gehen.“
Diese Stimme ist oft die Triangel, die ganz leise spielt und gegen die Pauke kaum ankommt. Deine Aufgabe ist es, ihr bewusst den Einsatz zu geben. Die Pauke darf weiterspielen, sie spielt nur nicht mehr allein.
Ich sage meinen Klientinnen: „Dirigentin des eigenen Orchesters zu werden, lernt man nicht von heute auf morgen. Das ist fast sowas wie eine Lebensaufgabe.“
Und wenn die nächste emotionale Talfahrt kommt?
Ich kann dir nicht versprechen, dass die Achterbahn bald anhält. Solange dein Kinderwunsch offen ist, werden Hoffnung und Angst, Wut und Trauer weiter ihre Runden drehen, und an manchen Tagen wird dich ein einziger Satz fast aus der Kurve werfen.
Was du aber lernen kannst, ist, mit diesen Gefühlen anders umzugehen. Vielleicht erkennst du irgendwann früher, was gerade mit dir passiert. Und vielleicht gelingt es dir dann auch leichter, die Gefühle auszuhalten, ohne sofort etwas dagegen unternehmen zu müssen.
In meinem Soforthilfe-Guide findest du vier Strategien für die Wartezeit kostenlos zum Download.
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